3 x Toleranz

wie sie mir nicht gefällt:

1. Voltaire – Gebet um Toleranz

Wohl wahr, damit kann ich gut leben:

Du gabst uns nicht ein Herz, daß wir einander hassen, nicht Hände, daß wir einander erwürgen sollten.

Was mich aber nervt, ist dieses Bild von einer großen Welt, einem großen Gott und kleinen Menschen, deren Unterschiedlichkeit im Vergleich zum Ganzen verschwindet und deshalb toleriert gehört. Wären also die Menschen groß im Vergleich zur ganzen Welt, dann sähe es also anders aus, dann wären die Unterschiede relevant?

Aber womit ich gar nicht klar komme, ist folgendes:

Gib,  dass  die, deren Kleid rot oder violett gefärbt ist und die über ein kleines Teilchen eines kleinen Haufens dieses Staubkorns herrschen, und die einige abgerundete Stückchen von einem gewissen Metall besitzen, ohne Stolz dessen, was sie Größe und Reichtum nennen, genießen und daß  die andern sie nicht beneiden!

Also mit anderen Worten: Die Anerkennung einer in Arm und Reich gespaltenen Gesellschaft ist ein Gebot der Toleranz.

In einem Vortrag von Joachim Kahl heißt es abschließend:

Die atheistische Religionskritik eines Diderot und eines Holbach war zwar theoretisch in sich tragfähiger, aber überforderte damals die meisten Menschen. So entwickelte sie keine Breitenwirkung. Voltaire dagegen bewegte sich mit seiner idealtypisch gezimmerten Natur- und Vernunftreligion dichter am Fassungsvermögen und an der Aufnahmebereitschaft seiner Zeit. Heute dagegen wäre sein Deismus ein geistiger Rückschritt.

Vielleicht wären ja die Teilnehmer eines Ethikstudiums im 21. Jahrhundert nicht überfordert.

2. Julius SturmAbschiedsworte eines Vaters an seinen Sohn:

Gerader Weg, gerades Wort,
so wills dem Mann gebühren;
wer Ehre sich erwählt zum Hort,
den kann kein Schalk verführen.

Nimm auf die Schultern Last und Müh
mit frohem Gottvertrauen
und lerne, wirkend spät und früh,
den eigenen Herd dir bauen.

Halt hoch das Haupt, was dir auch droht,
und werde nie zum Knechte;
brich mit dem Armen gern dein Brot
und wahre seine Rechte.

Treib nicht mit heiligen Dingen Spott
und ehre fremden Glauben,
und lass dir deinen Herrn und Gott
von keinem Zweifler rauben.

Ich weiß nicht genau, was dieses romantisch raunende Gedicht in meiner Materialsammlung zur Toleranz zu suchen hat. Auf jeden Fall wird hier schon deutlich wohin die Reise geht: „Lass dir deinen Herrn und Gott von keinem Zweifler rauben.“ vs. “ Ehre fremden Glauben.“ Ich bin Ich und bleibe Ich. Ich bin die Norm. Ich bin das Hegelsche „Für Sich-Sein“ Der große Fortschritt besteht darin, dass ich den anderen nicht mehr aufs Maul haue, pogromiere oder auf dem Scheiterhaufen abfackle.

3. In einem Toleranzedikt der Stadt Berlin heißt es 1999:

Intoleranz, Haß und Gewalt gegenüber Fremden und Andersdenkenden verstellt nicht nur den Blick auf den Reichtum und
die Vielfalt der Kulturen, sondern zerstört die zivilen Grundlagen unserer Demokratie und Verfassung und schädigt den Ruf der Stadt in der Welt.

Und wenn es nicht rufschädigend wäre, weil die Welt gerade ziemlich intolerant drauf ist. Oder wenn die Fachkräfte, auf die Berlin oder Deutschland scharf sind alles weiße, heterosexuelle Rassisten wären.

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