Begriff und Ding

Die Beerdigung von Herrn M. Es kann auch ein feierliches Dinner von Herrn und Frau M. zum 28. Hochzeitstag sein. Auf jeden Fall ein Ereignis, dass garantiert einmalig ist. Da fällt mir auf: Gibt es Ereignisse, die nicht garantiert einmalig sind? Eher nicht. Es ist der endliche, grobe menschliche Verstand, der nur einen Bruchteil der Eigenschaften eines Dinges oder Gegenstandes erfasst. Dieses endliche Abbild des unendlich komplexen Einzeldinges ist der Begriff vom Ding. Der elende Abglanz des ganzen Dinges. Es scheinen sich also unendlich komplexe Welt und endliches begriffliches Abbild der Welt gegenüberzustehen. Ich kenne zwei Wege mit dem Dilemma fertig zu werden:

  1. Die fernöstlichen Freunde der Meditation verteufeln das Denken, lassen in der Meditation den Verstand zur Ruhe kommen. Manche erlangen auf diesem Weg etwas, was sie Erleuchtung nennen, das sie aber nicht teilen können, von dem sie aber überzeugt sind, dass es eine geeignete Methode sei, das Ganze zu schauen.
  2. Die Freunde des westlichen Denkens können trainieren, sich stets und ständig ihres endlichen, vorläufigen Charakters ihres begrifflichen Abbildes der Welt bewusst zu sein. Ein Weg zu mehr Achtsamkeit, genau wie bei den Freunden der Meditation.

Und ich sehe auch ganz deutlich, dass bei meinen wilden Schülern keine Einsicht in dieses Problem besteht. Sie sind von der Identität der Welt und dessen, „was ihnen durch die Rübe rauscht“, überzeugt.

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2 Gedanken zu „Begriff und Ding

  1. Lieber Herr Müller,

    die Problematik die Sie ansprechen ist wahrhaft komplex und interessant. Anscheinend stellen Sie sich die Frage, was ein Begriff eigentlich ist und welche Funktion er erfüllt. Das ist eine Frage, die ich mir (aber auch viele andere) selbst hin und wieder gestellt habe. Leider gibt es, wie in der Philosophie so oft, keine allgemeingültige Antwort darauf, denn die Beantwortung dieser Frage ergibt sich systematisch sowohl aus einer Erkenntnistheorie als auch der damit verbundenen Metaphysik bzw. Ontologie.

    Aus Ihrer Darstellung ist ersichtlich, dass sie nominalistisch Argumentieren, indem Sie die Prämisse einführen, dass es nur Einzeldinge gibt und dass diese die Gegenstände unserer Erkenntnis sind, welche letztlich als unvollkommene Begriffe (Abglanz) in unserem Kopf rumgeistern, d.h. dass wir die Welt in ihrer Nicht-Ermessbarkeit durch unsere endlichen Begriffe nur ungenügend wiedergeben bzw. jede begriffliche Erkenntnis über die Welt somit ohnehin eine Grenze haben muss. Natürlich kann man diesem Dilemma so entgegenen, wie Sie dies beschrieben haben, d.h. in der fernöstlichen Variante der Meditation oder in der Achtsamkeit des westlichen Denkens. Doch scheint mir die östliche Variante immer etwas seltsam, da die Berichte von Menschen darüber, wie es ist, wenn man erleuchtet sei, meistens in dem Satz beantwortet werden: „Auch nicht anders als davor.“ Was recht gut zur Aussage Buddhas passt, dass man ohnehin nichts werden kann, was man Zeit seines Lebens bereits war und daher die Erleuchtung lediglich die Erkenntnis davon ist, dass man erleuchtet ist.

    Unser westliches Denken hat dahingegen einige andere Modelle hervorgebracht, die, in Bezug zu unserem Dilemma, genauso mit einem Wahrheitsanspruch einhergehen, wie der nominalistisch-rationalistische, den Sie beschrieben haben. Ich will hier nur einige Skizzieren, um Ihnen eine andere Perspektive zu geben bzw. zum Nachdenken anzuregen.
    Eine andere nominalistische Konzeption hat z.B. Johannes Roscelin von Compiègne 11. Jhd. n. Chr. vertreten, der das Vorhandensein von Begriffen schlicht geläugnet hat. Alles was wir verwenden sind Worte in einer Rede, die ohnehin nur bewegte Luft ist. Da es nachweißlich in der Welt nur Einzeldinge gibt, die man wahrnehmen kann, schloss er darauf, dass auch nur alles was in der Wahrnemung zu finden ist, wirklich sein kann und alles andere, was sich einer solchen Überprüfung verweigert, folglich nicht sein kann. (Aber keine Ahnung wie er dann mathematische Gegenstände oder sein eigenes Denken erklärt haben will)
    Eine andere Position finden Sie bei Antoine Arnauld im 17 Jhd. in seiner Logik von Port-Royal. Er ist der Meinung, dass sich die Welt begrifflich durchaus so erfassen lässt, dass wir allgemeinste Begriffe habe, die wir durch Abstraktion erlangen (bis wir beim Seienden angelangt sind, was sich nicht mehr definieren lässt), aber dass wir auch Individualbegriffe bilden können, i.e. die species infima, also solch einen Begriff, der nur auf ein Ding in der Welt referiert. Nun kann man natürlich einwenden, dass sich solch ein Begriff doch auf viele weitere Dinge anwenden lässt und wir somit die Dinge in ihrer Komplexität doch nicht erfasst haben. Somit wären wir wieder auf die Achtsamkeit auf unserer eigene Beschränktheit verwiesen. Doch muss das nicht zwangsläufig sein, wenn man ein wenig an der Erkenntnistheorie schraubt und beachtet, dass Arnauld eigentlich Theologe war, der einen philosophischen Umweg über Descarte genossen hat. Folglich hat er sicherlich auch die Erkenntnistheorien der Scholastiker gekannt, wovon einige durchaus der Meinung waren, dass die Erkenntnis von einem Einzelding, so wie es ist, möglich ist. Soweit ich weiß, war dies, in bedingtem Maße, Ockham und, ganz gewiss, Walter Burley. Letzterer war der Meinung – durch Ockham beeinflusst – dass wir im Moment, nachdem wir ein Ding als ein Ding erkennen, einen Begriff davon bilden, der auf die einzigarten Eigenschaften des Dinges verweisen muss. Denn schließlich liegt diesem Begriff doch die einzigartigen Wahrnehmung eines Individuums zugrunde, das von allen anderen verschieden ist. Insofern muss sich auch der Begriff adäquat auf dieses Einzelding beziehen, d.h. eine species infima bezeichnen. Daraus wird schon ersichtlich, dass man dann fragen muss, wie man sich dann überhaupt verständigen kann. Denn wenn unsere Worte die Zeichen für unsere Begriffe sind, dann steht jedes Wort für einen einzigartigen Begriff, den niemand außer einem selbst haben und nutzen kann. Burley hat diese Begrenztheit so versucht zu lösen, indem er meinte, dass der Mensch viele Worte parasitär verwendet, d.h. so als wenn er wüsste, was man sich darunter vorzustellen habe, obwohl er es doch nicht weiß. So verwendet z.B. jeder Christ den Namen Jesus, um einen bestimmten Mann zu bezeichnen, doch kann sich niemand darunter vorstellen, wer oder was Jesus war, d.h. man hat auch keinen Begriff davon, aber man verwendet das Wort so, als wenn man ihn hätte. Wer und was Jesus war, dies wissen nur jene, die ihn wahrhaftig gesehen haben, denn jene können, wie oben erwähnt, einen individuellen Begriff, aufgrund ihrer Wahrnehmung, von ihm haben.

    Wie Sie vielleicht aus dem längeren Exkurs der Philosophiegeschichte entnehmen können, ist es nicht unbedingt so, dass wir annehmen müssen, dass wir die Dinge in der Welt mit unseren Begriffen nicht vollständig erfassen könnten. Nur zieht jede Annahme diesbezüglich einen gewaltigen Begründungsschwanz hinter sich her, der mehr Probleme zu schaffen scheint, als er sie letztentlich löst.

    Nun, ich hoffe, dass ich Ihnen trotz aller Länge ein paar neue Denkanstöße geben konnte.

  2. Ja, vielen Dank. Ihr Kommentar hat mich in folgende Richtung angestoßen: Durch die philosophische Schnellbesohlung wurde ich wohl in einen Zustand versetzt, der mich frühe Phasen des Universalienstreits nachvollziehen lässt. Und als nicht sonderlich dialektischer Anfänger habe ich mich auf eine Dichotomie Ding-Begriff eingelassen.
    Andererseits, wenn ich ein Nominalist bin und der Nominalismus nach Adorno der Prototyp bürgerlichen Denkens ist, müsste ich ja auf dem besten Weg zu einem prima Ethiklehrer in der bürgerlichen Gesellschaft sein.

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