Klar, deutlich, inadäquat

In seiner kleinen Schrift „Betrachtungen über die Erkenntnis, die Wahrheit und die Ideen“ schreibt Leibniz:

Die Erkenntnis ist nun entweder entweder dunkel oder klar; und die klare wiederum entweder verworren oder deutlich; und die deutliche entweder inadäquat oder adäquat und gleichermaßen symbolisch oder intuitiv: Ist sie aber zugleich adäquat und intuitiv, dann ist sie gänzlich vollkommen. Weiterlesen

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Kant & Focault

Das Ringen Kants um die Kategorientafel scheint mir mit meinem verblassenden mathematischen Hintergrundwissen wie das Suchen nach einem Axiomensystem. Kant geht dabei noch davon aus, dass Axiome nicht bewiesen werden müssen, weil sie evident sind. Ich habe diese Suche durch die Brille der Zeit nach der Grundlagenkrise der Mathematik gesehen, mit so Erinnerung an Euklidische und Nicht-Euklidische Geometrie. Deshalb wohl meine Abneigung gegen ein personenunabhängiges, nicht kulturell bedingtes a priori, das allen Einzelvernunften gemeinsam ist.

Dachte ich mir zumindest, dass ich so ticke. Aber dann habe ich nochmal nachgeklickert und festgestellt, dass Focault das a priori als etwa historisch bedingtes sieht. Und „Überwachen und Strafen“ habe ich natürlich gelesen. Und auch Eske Bockelmann mit seinem „Im Takt des Geldes.“ Schon lustig, das hatte ich ganz vergessen, was ich so alles gelesen habe, so dass sich mein Denken dahin entwickelt hat, dass ich denke, dass das Denken (das die Welt mitkonstruiert¹) biografisch und historisch-kulturell determiniert ist.

¹ Wie unter Begriff und Ding zu lesen, wurde ich als Nominalist geoutet – bin nun bestrebt mich zu bessern :-)

Auf einem Auge blind

Sokrates, Plato und Aristoteles philosophieren trefflich über das Gute – in einer Gesellschaft, in der Frauen, Kinder und Sklaven keine richtigen Menschen sind.

Die Aufklärer klären auf, finden Toleranz toll und feiern die Vernunft, verhelfen dem Kapital zur Freiheit. Und sie kommen gut mit dem Sklavenhandel im 18. Jahrhundert klar, zumindest ist das nicht ihre wesentliche Baustelle. Für Voltaire und Kant sind Neger keine vollwertigen Menschen.

Und genau in dieser Tradition dönsen wir weiter über einen ethischen Minimalkonsens, während FRONTEX uns das hungrige Negerpack vom Hals hält.

Wir reflektieren genauestens das Einzelne, unseren Bauchnabel, das Gewissen, die Vernunft und schweigen über das Ganze.

Rotweintherapie

Mein Weihnachtsbuch berichtet von David Hume und seinem Werdegang zum Philosophen:

Der innere Konflikt belastete den jungen Mann. Als er achtzehn Jahre alt war, litt er an schweren Symptomen, die heute vielleicht als Nervenzusammenbruch interpretiert würden und die ihn wochenlang und in tiefer Verzweiflung ans Bett fesselten. Er suchte ärztlichen Rat, und als der Doktor sich den Katalog der Symptome anhörte, erklärte er seinem erstaunten Patienten, dass er ab jetzt der großen Bruderschaft der Denker angehöre und an nichts anderem leide als an »der Krankheit der Gelehrten.« Als Therapie empfahl der Arzt eine Flasche Rotwein und einen langen Ausritt in der frischen Luft pro Tag, eine Behandlungsmethode, die erstaunlich bald positive Resultate zeigte.

Sehr vernünftig.

Böse Philosophen

Unter meinem Tannenbaum lag ein Buch über die strikt atheistischen Aufklärer Diderot unt Holbach. Gleich auf der ersten Seite steht:

Der Aktienmarkt der historischen Reputation wird von Großinvestoren ängstlich beobachtet, von Zockern manipuliert und immer wieder aufgemischt von Spielernaturen, die auf einen vergessenen Philosophen oder einen obskuren Dichter setzen. Der Mechanismus dieses Marktes der guten Namen ist wichtig für unsere Gegenwart, denn diejenigen, deren Aktien am höchsten stehen, hinter denen sich die mächtigsten und meisten Investoren verbergen, bestimmen mit ihren Ideen und Werken auch, was wir über uns selbst denken, welche Geschichten wir uns erzählen. Wenn Platons Aktien höher gehandelt werden als die von Aristoteles und den Wert von Epikur völlig vernichten, dann werden die meisten von uns bewusst oder unbewusst die Welt durch Platons Augen sehen, werden mit den Gedanken den Wegen folgen, die er für uns vorgezeichnet hat.

Welche Brille setzt mir wohl ein berufsbegleitendes Ethikstudium auf?

Riecht Kant in Raum und Zeit?

Ich bin immer noch nicht ganz einverstanden mit Kant seinem apriori, wie er die Arithmetik auf die reine Anschauunge der Zeit, die reine Naturwissenschaft auf die reine Anschauung des Raumes gründet – und darauf ja sein ganzes Gedankengebäude. Nun gibt es da ein schickes Seminar zum Thema Riechen, das genau in diese Richtung geht:

Horkheimer und Adorno verfassen mit der „Dialektik der Aufklärung“ eine kritische Geschichte menschlicher Zivilisation. Während Aufklärung Glück für alle bringen sollte, strahlt die Erde mit dem Sieg der Aufklärung im „triumphalen Unheil“. Alles was an Natur und Tier im Menschen gemahnt war der Aufklärung verdächtig. Die kalte Sonne der Vernunft sollte über der Menschheit strahlen. Das Sinnliche wurde unterworfen und reglementiert – insbesondere das Sehen der Vernunft unterworfen. Wie verhält sich dazu nun das Riechen? Spricht Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ von der Schematisierung und Kategorisierung des Sinnlichen hin zu vernünftiger Erkenntnis, so ist dabei wohl kaum an Gerüche zu denken – auch widersprechen sie ohnehin dem kantischen Postulat der Schematisierung des Sinnlichen in Raum und Zeit schon vor der kategorialen Verarbeitung. Dass das Subjekt, um identisch zu sein, dass Naturhafte austilgte, dürfte sich sich in besonderer Weise am Riechen darlegen lassen. Vor diesem Hintergrund wäre die Dialektik der Aufklärung im Fokus des Riechens zu lesen. Das betrifft auch die Konzeption einer möglichen Befreiung der Menschheit von Herrschaft und Ausbeutung. … Der Mensch soll Subjekt sein können, ohne seine Natur, ohne seine Triebe unterdrücken zu müssen.

Und das ist genau der Punkt. Am Anfang bekommt man eingebläut, dass der Mensch Bewohner zweier Welten sei, der intelligiblen und der Sinnenwelt. Und wegen dieser Gefangenheit in der Sinnenwelt kann der Mensch nicht göttlich sein, das sinnliche als Makel, das einer Erreichung einer Vollkommenheit immer im Weg stehen wird. Hat man diese Unterteilung gefressen, kann der Mensch nicht mehr als Einheit gesehen werden. Dann sind plötzlich so Sachen wie Hunger oder das Bedürfnis nach Nähe Ausfluss einer endlichen unvollkommenen Natur, die immer nur unvollständig mit einem unvollständigen Verstand gedeckelt werden können…