Andine & europäische Zeitbegriffe

Und dann noch: „Zeitkonzepte in andinen Denktraditionen
und abendländischer Philosophie

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Ein Fußtier auf dem Fahrrad

In Platos Sophistes wird die Dihairesis des Anglers betrieben. Unter anderem werden die Tiere in Landtiere und Wassertiere eingeteilt. Die Landtiere laufen und brauchen einen festen Untergrund. Die Wassertiere schwimmen ohne Untergrund, so wie die Vögel in der Luft schwimmen.

Gestern rollte ich auf meinem Fahrrad auf einem glatten Wege durch einen frühlingsgrünen Laubwald. Eine Tätigkeit, die mich schon mehrfach in Verzückung versetzt hat. Auf dem zweidimensionalen, festen Weg war ich eindeutig das Landtier. Der Weg gab mir Halt, Sicherheit. Die Schneise, geschlagen durch den Wald, versiegelt mit Asphalt, ermöglichte es mir überhaupt erst, mich auf meinem Kunstprodukt Fahrrad fortzubewegen. Aber mit meinen Augen schwamm ich zwischen den Ästen und Blättern. Ganz Wassertier.

Ich war das Gegenteil von Sillys fliegendem Fisch, ein Teil von mir verließ das eingeschränkte Landtierdasein. Und überhaupt: so ein Affe, der gewandt sich durch die Wipfel schwingt – läuft oder schwimmt der.

Armseliges tertium non datur. Kann schon sein, dass es möglich ist, auf dem Fundament von Logik und Satz vom ausgeschlossenem Dritten stabile Türme aus lauter „S-ist-P“-Propositionen zu bauen. Aber dieser Apparat scheint mir unzureichend, mich fühlend durch die Welt zu bewegen.

Gedachte Ideen

Welchen Status haben Ideen, die ihre Relevanz erstmal nur durch das Gedachtwerden haben?
Da steht also eine Quietscheente auf dem Tisch und sie sollte erkannt werden: so ein gelber Fleck im Raum, über den wir uns austauschen konnten und wir hatten wohl auch alle ähnliche empirische Erfahrungen mit diesem Etwas da auf dem Tisch. Die Diskussion über Ente und Idee von der Ente – geschenkt. Die gibt es beide. Und manche machen ein Problem draus, wer zuerst da war, wer von wem abhängt.

Um was es mir geht, sind so Entitäten wie Seele, Gewissen, Liebe,… Da scheint es doch darum zu gehen, das Verhalten der Blackbox Mensch mit Hilfe einer inneren Struktur zu erklären. Und da hat Aristoteles also die Seele „erfunden“ – aber vorsichtig, wie immer, nur als funktionales Konstrukt. Ein paar hundert Jahre später wird „Seele“ (von Nichtphilosophen) wie ein Ding gehandhabt. Ähnliches habe ich von „Gewissen“ gehört, das Luther in den deutschen Sprachgebrauch eingeführt hat. Oder ES und ÜBER-ICH bei Freud. In manchen Yogatraditionen fließt Kundalinienergie durch Chakren.

Wie ist das also mit all den Ideen, die benutzt werden, um das menschliche Verhalten zu erklären. Gibt es Seele, Gewissen, Liebe so wie Quietschente und Wombat oder nur wie Quadrat und Dreieck? Ähnelt die Idee von der Liebe eher der Idee vom Wombat oder der Idee vom Quadrat? Wie stehen Descartes, Locke & Leibniz dazu?

Begriff und Ding

Die Beerdigung von Herrn M. Es kann auch ein feierliches Dinner von Herrn und Frau M. zum 28. Hochzeitstag sein. Auf jeden Fall ein Ereignis, dass garantiert einmalig ist. Da fällt mir auf: Gibt es Ereignisse, die nicht garantiert einmalig sind? Eher nicht. Es ist der endliche, grobe menschliche Verstand, der nur einen Bruchteil der Eigenschaften eines Dinges oder Gegenstandes erfasst. Dieses endliche Abbild des unendlich komplexen Einzeldinges ist der Begriff vom Ding. Der elende Abglanz des ganzen Dinges. Es scheinen sich also unendlich komplexe Welt und endliches begriffliches Abbild der Welt gegenüberzustehen. Ich kenne zwei Wege mit dem Dilemma fertig zu werden:

  1. Die fernöstlichen Freunde der Meditation verteufeln das Denken, lassen in der Meditation den Verstand zur Ruhe kommen. Manche erlangen auf diesem Weg etwas, was sie Erleuchtung nennen, das sie aber nicht teilen können, von dem sie aber überzeugt sind, dass es eine geeignete Methode sei, das Ganze zu schauen.
  2. Die Freunde des westlichen Denkens können trainieren, sich stets und ständig ihres endlichen, vorläufigen Charakters ihres begrifflichen Abbildes der Welt bewusst zu sein. Ein Weg zu mehr Achtsamkeit, genau wie bei den Freunden der Meditation.

Und ich sehe auch ganz deutlich, dass bei meinen wilden Schülern keine Einsicht in dieses Problem besteht. Sie sind von der Identität der Welt und dessen, „was ihnen durch die Rübe rauscht“, überzeugt.

Resümee

2 Jahre Nebenbeischnellbesohlung Praktische Philosophie: Mir spuken 4 Sachen besonders im Kopf rum:

  1. Hegel
  2. Moralisches Urteilen
  3. Methaetik
  4. Die Einfachheit Gottes

Hegel

Hegels Dialektik ist mein Favorit. Überall sehe ich Negationen der Negation, Einheit und Kampf der Gegensätze. Aber nicht mehr so mechanistisch wie zu Parteilehrjahrzeiten.

Mit mildem Verständnis aber auch Traurigkeit sehe ich all die wilden Anti-istInnen, die alle nur den Negationsteil eines Widerspruchs angreifen.

Am Spannendsten für mich Hegel sein Für-Sich-Sein und Für-Andere-Sein. Die Unmöglichkeit des isolierten Menschseins. Ein Appell gegen westlich überzogenen Individualitätskult und gegen unreflektierte archaische Hordenmentalität.

Oder das Raunen asiatisch-Toller Weisheit, die predigt, ich sei nicht mein Denken und ich solle mich gefälligst auf mein Sitzkissen setzen und meditieren, bis das Denken zur Ruhe komme. Das kann ich schon einsehen, dass ich nicht mein Denken bin. Aber natürlich ist es Unfug, das, was von mir bleibt, wenn ich das Denken weglasse, mein wahres Ich zu nennen. Ich bin die dialektische Einheit meines Denkens und Nicht-Denkens. Genauso wie ich die Einheit aus meinem Für-mich-Sein und meinen Beziehungen zu anderen bin.

Moralische Urteilen

Als Ergebnis dieser Vorlesung bleibt mir das Negativergebnis: Es ist nicht möglich eine einfache Globaltheorie darüber aufzustellen, welche Handlungen gut/richtig und böse/falsch sind.

Methaethik

Moralische Urteile sind Sprechakte. Sie haben eine deskriptive und eine performative Bedeutung. Die performative Bedeutung ist ein schnöder Imperativ. Dieser Zusammenhang ist den wenigsten bewusst. Moralisierer sind stolz auf ausgeklügelte Systeme deskriptiver Bedeutung. Die meisten Menschen können aber an sie gerichtete Imperative nicht leiden. Deshalb ist Moralisieren so uneffektiv.
Was effektiver scheint, ist folgendes: Moralisierender und Moralisierter erkennen, dass sie im selben Boot sitzen und überlegen gemeinsam, wie für sie das Leben schöner wird.

Die Einfachheit Gottes

Die alten Scholastiker haben viel Hirnschmalz darauf verwendet, nachzuweisen, dass es möglich ist, dass Gott einfach ist und gleichzeitig allwissend, allmächtig, gütig, … Gott ist mir relativ wurscht. Aber diese Eigenschaft der Einfachheit macht mich momentan nachdenklich. Ist es richtig, einen Menschen als Konglomerat seiner Eigenschaften zu betrachten, ihn zu ergründen, indem ich immer mehr Eigenschaften quantifiziere. Wäre es nicht viel schöner und angebrachter, diesen meinen Mitmenschen als (göttliche) einfache Entität zu sehen. Und die Eigenschaften sind wie unterschiedliche Lichtreflexionen eines geschliffenen Diamants.