Kant verteidigt sich selbst

Da ist mir doch eine Kant-Schrift von 1793 über den Weg gelaufen: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. Und da setzt sich Kant schon mit denselben Kritiken an seiner Ethik auseinander, die wir ihm heute noch vorwerfen:

Nach meiner Theorie ist weder die Moralität des Menschen für sich, noch die Glückseligkeit für sich allein, sondern das höchste in der Welt mögliche Gut, welches in der Vereinigung und Zusammenstimmung beider besteht, der einzige Zweck des Schöpfers.

Also der Herr K. ist schon etwas weicher und gemütiger, wenn man eben mehr liest als nur den heiligen KI. Der allein ist wirklich bescheuert und redet Moral- und Pflichteiferern das Wort.

Historischer Imperativ und Kategorische Mission 2

Vielleicht ist das Ganze ein Vermittlungsproblem. Marx hat sich ausführlich abgemüht, herauszufinden, wie der Kapitalismus funktioniert und dann seine Thesen formuliert. Kant hat sich ausführlich bemüht herauszufinden, was der Mensch ist und was er tun soll und dann seine Thesen formuliert.
Wenn einem nun die historische Mission der Arbeiterklasse oder der Kategorische Imperativ als Spitzen von komplexen Gedankeneisbergen einfach so hingeklatscht werden, dann sind das tumbe Kohlbergstufe-4-Regeln, die sich prima instrumentalisieren lassen, sei es nun um jemanden in ein totalitäres System einzuklinken oder um ihn vom Schwarzfahren abzuhalten.
Dem Anspruch von Aufklärung und Selbstdenken werden solche verkürzten Darstellungen einfach nicht gerecht.
Mir fallen an der Stelle immer die „Neuen Leiden des jungen W.“ ein: Der Protagonist beschwerte sich an einer Stelle, bei jedem Stück Papier, das er aufhöbe, ein rötliches Glimmen in den Augen haben zu müssen.

Historischer Imperativ und Kategorische Mission

Ich frage mich seit Wochen, warum mir die Kantsche Ethik so hochgradig unsymphatisch ist.

Mit Aristoteles konnte ich mich richtig gut anfreunden: sein erstes Statement: Der Wahrheits- und Genauigkeitsanspruch in der Praktischen Philosophie ist ein anderer als in der Theoretischen. Und dann wird ein komplexes Netz entwickelt, dass das menschliche Handeln (und Sollen) beschreibt…

Ganz anders bei Kant. Der Anspruch das Sollen genauso hart zu bestimmen, wie die klassische Mechanik. Und dann ein Gebäude von für mich unscharf definierten Begriffen (Pflicht, Wille, Maxime, Freiheit) aus dem der Kategorische Imperativ folgt – an dem sich mein Handeln orientieren soll.

Mein Gedankenblitz: Warum mir dieser Ansatz persönlich nicht gefällt, liegt vielleicht daran, dass die ganze Konstruktion der stark vereinfachten Marxrezeption in der DDR entspricht. Ein Gebäude von Hypothesen gipfelt in der historischen Mission der Arbeiterklasse – an der sich mein gesamtes Handeln orientieren sollte.

Seitenhieb gegen Kant?

Aus der Freiheitsvorlesung von Herrn Aichele, zumindest so wie ich es verstanden habe: Die Wahrheit hypothetischer Aussagen folgt nicht aus absoluten Wahrheiten. Etwa aus dem Satz der Identität folgt nichts. Und hier liegt

„ein großer Fehler des deutschen Idealismus“

Und damit die Objektivität von Kants Kategorischem Imperativ ein logisches Luftschloss? Das wäre mir ja sehr sympathisch :-)

Liebe und Pflicht

Mir ist Khalil Gibrans Prophet über den Weg gelaufen. Über die Liebe heißt es:

Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
Auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.
Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie,
auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann
wie der Nordwind den Garten verwüstetet.

Aber wenn du in deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst,
dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken
und vom Dreschboden der Liebe zu gehen.
In die Welt ohne Jahreszeiten,
wo du lachen wirst, aber nicht dein ganzes Lachen,
und weinen, aber nicht all deine Tränen.
Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst.
Liebe besitzt nicht, noch lässt sie sich besitzen;
Denn die Liebe genügt der Liebe.
Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf.
Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.

Was mir spontan auffiel: Wenn ich die „freundliche“ Liebe durch Kants „grummelige“ Pflicht ersetze, dann bleibt dieser Text einigermaßen sinnvoll.

Historisch eingeordneter Aufklärungsverstandskult

Ich gräme mich ja häufig über den alten Kram, mit dem ich mich beim Ethikstudium rumschlagen muss, insbesondere dann, wenn sich Kants Kategorischer Imperativ in ethische Argumentationen in einer dogmatischen Art und Weise einschleicht, die unangenehm an die historische Mission der Arbeiterklasse und die Liebe zur Sowjetunion erinnert.

Christoph Helferichs Geschichte der Philosophie schreibt über den Deutschen Idealismus von Kant bis Hegel:

Die Lage ist also sehr ernst, die Aufgabe schwer, und doch haben wir hier noch einmal einen großen Optimismus. Er speist sich – auf der Ebene des Denkens gesehen – aus einem unbedingten Vertrauen in die menschliche Vernunft. Kant z. B. geht davon aus, »daß gar keine Frage, welche einen der reinen Vernunft gegebenen Gegenstand betrifft, für eben dieselbe menschliche Vernunft unauflöslich  sei.« Nur dieses unbedingte Vertrauen ermöglichte den Entwurf so totaler Systeme, die mit der Beseitigung falscher Denkgewohnheiten den Grund für richtiges Denken und Handeln gelegt zu haben glaubten.
Spätestens Mitte des vorigen Jahrhunderts ist das idealistische System zusammengebrochen. Die Vernunft trägt nicht mehr als Basis, die Philosophie gerät in die Defensive. Daher auch unsere Distanz gegenüber dieser großen Philosophie. Sie hat Vorbilder geliefert und Maßstäbe gesetzt, die verbindlich bleiben, und doch kann aus angebbaren Gründen heute nicht mehr so gedacht werden.

Das bestätigt mich in meinen Zweifeln, so als ob es eben doch einen aktuellen Stand philosophischen Denkens gibt. Vielleicht verhalten sich Kant und Co. doch zu den modernen Denkern wie die klassische Mechanik zu Quantenphysik und Relativitätstheorie.

P.S. Natürlich haue ich immer noch Verstand und Vernunft durcheinander.

Kant als religiöser Dogmatiker

Da gibt es diesen bekannten Spruch aus der Kritik der praktischen Vernunft:

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmenden Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz.

Äußert sich hierin vielleicht die Unvollkommenheit des Aufklärers Kant, der es nur schafft den religösen Dogmatismus im hegelschen Sinne bestimmt zu negieren, indem er statt auf einen überirdischen Gott auf ein innersubjektives Gesetz in sich hört.

Kategorischer Imperativ im 21. Jh.

Mir fallen so Sachen ein wie:

  • ökologischer Fußabdruck/Kohlendioxid-Ausstoß
  • den Regenwald vernichtender Fleischkonsum
  • gruselige Arbeitsverhältnisse tolerierender Billigkonsum

Alles so Leichen im moralischen Keller von uns Erste-Welt-Menschen, die alle dem Kategorischen Imperativ widersprechen. Aber gedeihliche Arbeitsblätter, auf denen die Wänster mit Kants KI zum Papierauflesen gebracht werden sollen.

Enterprise und Kant

Im Zusammenhang mit dem Kategorischen Imperativ fielen mir letztens Spock und Data ein. Diese emotionsarmen, rein rational agierenden Figuren, die geschaffen wurden, um das Wechselspiel von knallharter Logik und irrationaler Emotionalität beim Menschen zu beleuchten. Diese beiden Herren sind möglicherweise recht gute Kantkarrikaturen.