Kant vs. Einstein

Bei Kant fallen die Zeit der klassischen Mechanik und die reine Anschauungsform Zeit zusammen.

Mit der Relativitätstheorie stimmen „Physikerzeit“ und „A-priori-Zeit“ nicht mehr überein:

Für uns Physiker hat die Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer hartnäckigen Illusion.

 Albert Einstein

 

Riecht Kant in Raum und Zeit?

Ich bin immer noch nicht ganz einverstanden mit Kant seinem apriori, wie er die Arithmetik auf die reine Anschauunge der Zeit, die reine Naturwissenschaft auf die reine Anschauung des Raumes gründet – und darauf ja sein ganzes Gedankengebäude. Nun gibt es da ein schickes Seminar zum Thema Riechen, das genau in diese Richtung geht:

Horkheimer und Adorno verfassen mit der „Dialektik der Aufklärung“ eine kritische Geschichte menschlicher Zivilisation. Während Aufklärung Glück für alle bringen sollte, strahlt die Erde mit dem Sieg der Aufklärung im „triumphalen Unheil“. Alles was an Natur und Tier im Menschen gemahnt war der Aufklärung verdächtig. Die kalte Sonne der Vernunft sollte über der Menschheit strahlen. Das Sinnliche wurde unterworfen und reglementiert – insbesondere das Sehen der Vernunft unterworfen. Wie verhält sich dazu nun das Riechen? Spricht Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ von der Schematisierung und Kategorisierung des Sinnlichen hin zu vernünftiger Erkenntnis, so ist dabei wohl kaum an Gerüche zu denken – auch widersprechen sie ohnehin dem kantischen Postulat der Schematisierung des Sinnlichen in Raum und Zeit schon vor der kategorialen Verarbeitung. Dass das Subjekt, um identisch zu sein, dass Naturhafte austilgte, dürfte sich sich in besonderer Weise am Riechen darlegen lassen. Vor diesem Hintergrund wäre die Dialektik der Aufklärung im Fokus des Riechens zu lesen. Das betrifft auch die Konzeption einer möglichen Befreiung der Menschheit von Herrschaft und Ausbeutung. … Der Mensch soll Subjekt sein können, ohne seine Natur, ohne seine Triebe unterdrücken zu müssen.

Und das ist genau der Punkt. Am Anfang bekommt man eingebläut, dass der Mensch Bewohner zweier Welten sei, der intelligiblen und der Sinnenwelt. Und wegen dieser Gefangenheit in der Sinnenwelt kann der Mensch nicht göttlich sein, das sinnliche als Makel, das einer Erreichung einer Vollkommenheit immer im Weg stehen wird. Hat man diese Unterteilung gefressen, kann der Mensch nicht mehr als Einheit gesehen werden. Dann sind plötzlich so Sachen wie Hunger oder das Bedürfnis nach Nähe Ausfluss einer endlichen unvollkommenen Natur, die immer nur unvollständig mit einem unvollständigen Verstand gedeckelt werden können…

E = mc² vs. KI

Wir fragen uns ja immer, was das alles soll. Mit dem Kategorischen Imperativ. Insbesondere dann, wenn wir hochgebildeten Alphas und Betas mit Deltas zusammengesperrt werden.

Vielleicht ist der Kategorische Imperativ genauso allgemein wie der Energieerhaltungssatz oder Einsteins E = mc² und genauso wichtig oder unwichtig wie diese.

Mit Einsteins Formel kann noch lange nicht die Atomfusion beherrscht werden, aber sie ist wesentlicher Teil ihrer Möglichkeit. Der Energieerhaltungssatz ist wesentlicher Teil unseres westlichen Weltverständnisses, kann davon abhalten, ein perpetuum mobile zu entwickeln – aber es ist ziemlich weit hergeholt, ihn beim Schmieren einer Fahrradkette zu bemühen.

Kant verteidigt sich selbst

Da ist mir doch eine Kant-Schrift von 1793 über den Weg gelaufen: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. Und da setzt sich Kant schon mit denselben Kritiken an seiner Ethik auseinander, die wir ihm heute noch vorwerfen:

Nach meiner Theorie ist weder die Moralität des Menschen für sich, noch die Glückseligkeit für sich allein, sondern das höchste in der Welt mögliche Gut, welches in der Vereinigung und Zusammenstimmung beider besteht, der einzige Zweck des Schöpfers.

Also der Herr K. ist schon etwas weicher und gemütiger, wenn man eben mehr liest als nur den heiligen KI. Der allein ist wirklich bescheuert und redet Moral- und Pflichteiferern das Wort.

Historischer Imperativ und Kategorische Mission 2

Vielleicht ist das Ganze ein Vermittlungsproblem. Marx hat sich ausführlich abgemüht, herauszufinden, wie der Kapitalismus funktioniert und dann seine Thesen formuliert. Kant hat sich ausführlich bemüht herauszufinden, was der Mensch ist und was er tun soll und dann seine Thesen formuliert.
Wenn einem nun die historische Mission der Arbeiterklasse oder der Kategorische Imperativ als Spitzen von komplexen Gedankeneisbergen einfach so hingeklatscht werden, dann sind das tumbe Kohlbergstufe-4-Regeln, die sich prima instrumentalisieren lassen, sei es nun um jemanden in ein totalitäres System einzuklinken oder um ihn vom Schwarzfahren abzuhalten.
Dem Anspruch von Aufklärung und Selbstdenken werden solche verkürzten Darstellungen einfach nicht gerecht.
Mir fallen an der Stelle immer die „Neuen Leiden des jungen W.“ ein: Der Protagonist beschwerte sich an einer Stelle, bei jedem Stück Papier, das er aufhöbe, ein rötliches Glimmen in den Augen haben zu müssen.

Historischer Imperativ und Kategorische Mission

Ich frage mich seit Wochen, warum mir die Kantsche Ethik so hochgradig unsymphatisch ist.

Mit Aristoteles konnte ich mich richtig gut anfreunden: sein erstes Statement: Der Wahrheits- und Genauigkeitsanspruch in der Praktischen Philosophie ist ein anderer als in der Theoretischen. Und dann wird ein komplexes Netz entwickelt, dass das menschliche Handeln (und Sollen) beschreibt…

Ganz anders bei Kant. Der Anspruch das Sollen genauso hart zu bestimmen, wie die klassische Mechanik. Und dann ein Gebäude von für mich unscharf definierten Begriffen (Pflicht, Wille, Maxime, Freiheit) aus dem der Kategorische Imperativ folgt – an dem sich mein Handeln orientieren soll.

Mein Gedankenblitz: Warum mir dieser Ansatz persönlich nicht gefällt, liegt vielleicht daran, dass die ganze Konstruktion der stark vereinfachten Marxrezeption in der DDR entspricht. Ein Gebäude von Hypothesen gipfelt in der historischen Mission der Arbeiterklasse – an der sich mein gesamtes Handeln orientieren sollte.