Jiddu Krishnamurti

raunt:

Alle Ideologien, ob religiöse oder politische, sind idiotisch, denn es ist das begriffliche Denken, das begriffliche Wort, das die Menschen auf so unglückliche Weise spaltet.

Aber vielleicht schüttet er das Kind mit dem Bade aus. Nach mal wieder einem Semester Aristoteles ist schon klar, dass die Begriffe erbärmlich grobe Werkzeuge sind, sich über die Welt zu verständigen. Aber was bleibt ohne Sprache?

Sind die Menschen „unglücklich gespalten“, weil sie begrifflich denken oder nur weil sie nicht begreifen, was begriffliches Denken bedeutet und Einzelnes und Begriffe munter mischen, wenn sie ihnen „durch die Rübe rauschen“.

Vielleicht reicht es, das begriffliche Denken zu begreifen und seine Möglichkeiten und Beschränkungen auszuloten. Es kann nicht darum gehen, in Magie und Mystik allein zurück zufallen. Ungefähr so, wie in der Gewaltfreien Kommunikation, bei der es nicht darum geht, das bewertende, interpretierende Denken der Wolfssprache zu verbieten, sondern aufzuheben.

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Philosophieren als Wettbewerb?

Im Unterschied zum ideellen Dialog motiviert der reale Dialog vielmehr als Wettkampf mit (einem) anderen zu größerer Klarheit der Begriffe und Argumente, zu der man für sich allein sonst vielleicht nicht fähig oder bereit wäre.

Meine Abneigung gegen Wettbewerb und Gewinnenwollen ist bekanntermaßen chronisch. Deshalb fiel mir sofort unangenehm Martens Vorstellung von Dialektik als Wettbewerb auf. Und wann immer ich Gespräche als fruchtbar erlebt habe, dann war da nichts von Wettbewerb. Egal ob es so ein kleines sokratisches Gespräch war, Ausflüge in die Dialogpraxis nach Martin Buber oder Habermas seine Diskursethik.
Na gut, es geht im Text nicht ganz so garstig weiter, trotzdem nervt mich die Zweckrationalität, die Instrumentalisierung des Gesprächs:

Außerdem fördert ein gemeinsamer Problemlösungsprozess kreative Einfalle, trägt größeres Fachwissen und methodische Kompetenz zusammen und kann verhindern, dass ein Problem lediglich aus einer bestimmten Perspektive behandelt wird.

Das gemeinsame, dialogische Denken macht vor allem die Verbindung und Angewiesenheit des eigenen Denkens auf das Denken anderer im gemeinsamen Medium der sprachlich verfassten Vernunft deutlich. (Ekkehard Martens S. 88)

Ich weiß jetzt, wo ich stehe

Patzig definiert … Philosophie als „Versuch, rational begründete Antworten“ auf „tief liegende Fragen zu finden“. Bei diesem Versuch unterscheidet Patzig „zwei einander entgegengesetzte Richtungen, die man die spekulative und die analytische Richtung nennen könnte“, zum einen als „Philosophie, die einen Grundgedanken zur Basis einer Weltinterpretation macht“  (z. B. Heraklit, Platon, Plotin, Spinoza, Hegel), zum anderen als Philosophie, die „sorgfältige Untersuchungen der einzelnen Probleme unter Verzicht auf umfassende und darum notwendigerweise pauschale Lösungen“ anstellt. (Ekkehard Martens S.90)

Und ich war mal ein vulgärmarxistischer Unterbaufetischist – hatte einen „Grundgedanken zur Basis einer Weltinterpretation.“ Ich habe Heimweh nach einer solchen sicheren Burg, aber auch Angst dass sie wieder auf Sand gebaut sein könnte. Aber wieso brauche ich eine Burg? Wo ich mich doch so für die Zeit vor Sündenfall und Sesshaftwerdung begeistere. Was wäre eigentlich die dialektische Aufhebung der Zivilisation.

Philosophieren als Kulturtechnik?

Ein klares ja, aber.

„Die abendländische Philosophie weist nun darüber hinaus die Eigentümlichkeit auf, nach grundlegenden Begriffen oder Aussageweisen zu suchen – den Kategorien -, die über den bloßen Wechsel oder die potentiell unendliche Vielfalt von Situationen hinausgehen: ethische Grundsachverhalte und -begriffe wie auch erkenntnistheoretische.“ (U. Seeberg)

Oder eine zentrale These aus der Vorlesung über moralisches Urteilen: Handlungen sind gut oder böse (tertium non datur)

An diesen beiden Sätzen kondensieren meine Zweifel. Wie ist das mit der abendländischen Philosophie und ihrem Dualismus, ihrem wahr oder falsch, ihrer Ausrichtung an der klassischen Mechanik von Newton und Gallileo. Wie ist das mit der Quantenphysik, dem deterministischen Chaos, dem Tetralemma.

In einem kleinen Büchlein zur Gewaltfreien Kommunikation heißt es:

Die Haltung des „Sowohl-als-auch“ zu entwickeln, fällt den meisten schwer, da nicht nur zu Hause und im Betrieb, sondern auch in vielen Medien der Fokus auf Gegensätzen, statt auf Gemeinsamkeiten liegt: Täter/Opfer, gut/böse, oben/ unten. Wir lernen, dass Macht ungleich verteilt ist und dass sie dazu verleitet, sie gegenüber anderen auszunutzen.

Wo führt uns die phänomenologisch-hermeneutisch-dialektisch-analytisch-spekulative Methodenschlange hin? Bringt sie uns dem Guten näher? Oder schafft sie es nur, wie in den Dialogen des Sokrates, die Risse in den Weltbildern der Anderen aufzuzeigen. Was nützt es uns, uns zu feiern, dass wir Nazis oder Homophoben nachweisen, dass ihre Weltbilder „falsch“ sind.

Eine Ausweg weist Hannes Bode in einem Vortrag über das Verhältnis von Theorie und Praxis: Die Theorie ohne Empathie ist nichts und umgekehrt.