Transtoleranz

Im Didaktikseminar hatte ich den Eindruck, dass meine Kritik an einem klassischen Toleranzbegriff, der sich an Sturm und Voltaire berauscht, auf wenig Gegenliebe stieß. Ich war ein wenig unsicher. Ist Kritik der Identität nur so eine linke Macke? Sicherheit gibt mir eine Ankündigung einer Weiterbildung (Trans)Kulturelle Vielfalt in der pädagogischen Praxis vom Friedenskreis:

… Im Kern der pädagogischen Bemühungen geht es nicht mehr nur um die Begegnung und das Zusammenleben unterschiedlicher, in sich abgeschlossener Kulturen, sondern immer mehr auch um Mischformen und Verschmelzungen, die neue pädagogische Fragestellungen aufwerfen und Potentiale bergen. …

Das Eigene in Anderen und das Andere im Eigenen – Abbau von konstruierten Fremdzuschreibungen und somit Bewertung von Menschengruppen entlang ihrer Herkunftsverortungen, Geschlechtsidentitäten, Religiositäten, Professionen, Subkulturen etc.

Nachhaltige Lebenskonzepte auf Grundlage einer auf Anerkennung und Gerechtigkeit basierenden Gesellschaft im Gegensatz zu einer hegemonialen und ethnozentischen Sichtweise auf Menschen und Gesellschaft

Ach das gibt Mut. Es gibt noch mehr Leute, denen es nicht reicht, wenn der Türke neben dem Deutschen soweit toleriert wird, dass er nicht aufgeklatscht wird, weil einfach strukturierte Menschen das Gedöns von Sarrazin & Co in physische Gewalt umsetzen.

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Paartherapie mit Irigaray

Aus dem Ankündigungstext:

Die typische zweipolige Figur unserer Gesellschaft ist die des heterosexuellen Liebespaars. Trotz konsequenten Scheiterns hält die Mehrheit unbeirrt an diesem Phantasma fest – etwas, was sie mit dem konsequenten Scheitern dualistischen Denkens in der Philosophie gemeinsam hat. Die Paarbeziehung in ihren tragisch-komischen Verflechtungen wird zur Parabel über das Denken in dieser Gesprächs-Performance. Der gesellschaftlich-alltägliche Bezug und die ästhetisch-performative Form des gemeinsamen Philosophierens ist gleichermaßen ein Anliegen. Im Mittelpunkt steht dabei die Theorie der Philosophin Luce Irigaray.
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Sokratisches Gespräch

Ein dreistündiger Einblick in die Methode des Sokratischen Gesprächs. Wir gingen exemplarisch der Frage nach „Wer bin ich?“

  • Für mich waren sofort Parallelen zu meinen Ausflügen in die Welt der Kommunikation unübersehbar, etwa zum Community Building nach Scott Peck
  • Faszinierend, wie die Leitung durch ständige empathische Wachsamkeit, kontrolliertem Dialog und ständiger, freundlich-bestimmter Konzentration auf das gerade Anliegende einen Prozess konstruktiver Zusammenarbeit anstoßen konnte, der schnell über die Probleme von unkonstruktiven Vielrednern und Hardlinern mit vorgefassten Meinungen hinausging.

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Aha-Erlebnis

Als atomkraftkritischer Gutmensch und Physiklehrer habe ich meine Berufsschulzöglinge mit 100 guten Gründen gegen Atomkraft beglückt. Ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen. Toulmins Schema oder auch der praktische Syllogismus erklären, warum. Schließlich bin ich genau nach ihnen vorgegangen:

  1. Unbeherrschbare Risiken sind zu vermeiden.
  2. Kernkraft ist unbeherrschbar.
  3. Kernkraft ist zu vermeiden.

Und wenn ich „100 gute Gründe gegen Atomkraft“ bringe und noch 20 Ekelbilder von verkrüppelten Tschernobylkindern, sie bedienen Punkt 2. Sachen, die für mich wichtig sind, weil ich behaupte, für mich sei Punkt 1 klar. In der Diskussion mit den Schülern wurde aber deutlich, dass gar kein Konsens über Punkt 1, den normativen Aspekt, besteht. Passt gut zu Höffes Wertewandel. Aber auch aus den Pflicht und Akzeptanzwerten leitet sich nicht gerade unmittelbar die Norm nachhaltigen Handelns ab.

Ethikunterricht ist nur eine Behelfslösung

So behauptet es zumindest eine Kohlbergbiografie:

Wenn gefragt wird, was der Kern der Kohlbergschen Moralerziehung sei, bekommt man heute noch meist zu hören: Dilemma-Diskussion. Das ist verkürzt und deshalb falsch. Der Kern ist die Idee der Just Community: Moralische Entwicklung durch moralisches Handeln und Entscheiden; Demokratie lernen durch Praxis der Demokratie. An diesem Maßstab gemessen sind Unterrichtsgespräche über moralische Fragen nur eine Behelfslösung.