Kant als religiöser Dogmatiker

Da gibt es diesen bekannten Spruch aus der Kritik der praktischen Vernunft:

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmenden Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz.

Äußert sich hierin vielleicht die Unvollkommenheit des Aufklärers Kant, der es nur schafft den religösen Dogmatismus im hegelschen Sinne bestimmt zu negieren, indem er statt auf einen überirdischen Gott auf ein innersubjektives Gesetz in sich hört.

Dilemmata als Moralkritik?

Als Naturwissenschaftler, als Mathematiker erst recht, würde ich ja sagen: Wenn so ein Satz von Werten und Normen in seiner Anwendung an vielen Stellen zu Widersprüchen führt, dann sind entweder diese Werte und Normen als Axiome nicht widerspruchsfrei gewählt oder die ganze Verfahrensweise ist irgendwie faul.

Und ist nicht wirklich das Rumhacken auf Werten und Normen an sich, finsterste Kohlbergstufe 4, weit entfernt vom Olymp der Stufe 6 oder gar der Habermaschen Hyperstufe 7.

Oder versöhnlicher. Ist die hohe Bedeutung, die wir im allgemeinen Werten und Normen zusprechen, vielleicht ein Hinweis darauf, dass wir alle noch ziemlich auf Stufe 4 rumdümpeln. Erscheint es uns deshalb so unheimlich, etwa das Tötungsverbot nicht einfach nur als ungemein nützliche und praktikable Regel im Umgang miteinander zu nehmen.

Kohlberg und Rosenberg

Marshall Rosenberg, der mit der Gewaltfreien Kommunikation, berichtet von seinem Psychologiestudium folgendes: Wenn er vor dem Studium mit einem anderen Autofahrer unzufrieden war, dann beschimpfte er ihn: „Du Idiot!“ Nach dem Studium konnte er schimpfen: „Sie Psychopath!“ Richtig weitergeholfen hat ihm das nicht.

Ob Kohlbergs oder andere Stufenmodelle der Moralentwicklung ähnlich analytisches Wissen darstellen, das nicht wirklich weiterhilft.

Aporie

  1. Beim Untergang des Ostblocks ging doch die Logik wie folgt: Ein System, dass Gulag, Mauer und Stacheldraht hervorgebracht hat, ist vollständig verwerflich.
  2. In den Ausführungen von Heinz Schmidt zur Ethik in der Schule werden unter anderem zwei Dinge betont:
    1. Wir leben in einer komplizierten, von Widersprüchen zerissenen Welt: „Sowohl wissenschaftlich-technische wie auch geistig-kulturelle Entwicklungen haben zuvor unvorstellbare Unmenschlichkeiten und Zerstörungen ermöglicht.“
    2. Mehrfach wird auf Grund- und Menschenrechte, jüdisch-christliche Tradition oder Aufklärung positiv Bezug genommen.
  3. Wenn nun aber anerkannt wird, dass es der ganzen Welt schlecht geht, müsste dann nicht auch das ganze System einschließlich seiner tradierten Normen und Werte hinterfragt werden, in dem diese Misere passiert ist.