Saw und Kohlberg

Also: Treusorgender Familenvater erwacht angekettet in einem versifften Kellerraum. Der Rest seiner Kleinfamilie ist entführt und heult dramatisch durchs Telefon. Der Mann kann seine Familie retten, wenn er sich den Fuß absägt, um an eine Pistole zu gelangen, mit der er einen anderen Mann erschießen soll. Mit meinem jetzigen Wissen nehme ich an, dass die Macher von Saw in ihrer Schulzeit mit ethischen Dilematta und John Stuart Mill gequält wurden.

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Hymne auf Stufe 4

Gestern gab es Regentanz mit Ihrer Hymne auf Kohlbergs Stufe 4: „Die Stufe des sozialen Systems und des verlorenen Gewissens“

Gebt uns Grenzen, gebt uns Regeln
Denn ohne sie sind wir verlorn
Gebt uns Strafen, gebt uns Prügel
Nur treue Bürger sind auserkorn
Ihr gabt uns Freiheit vielen Dank
Doch die Autonomie macht uns krank

Der vollständige Text:
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Ethikunterricht ist nur eine Behelfslösung

So behauptet es zumindest eine Kohlbergbiografie:

Wenn gefragt wird, was der Kern der Kohlbergschen Moralerziehung sei, bekommt man heute noch meist zu hören: Dilemma-Diskussion. Das ist verkürzt und deshalb falsch. Der Kern ist die Idee der Just Community: Moralische Entwicklung durch moralisches Handeln und Entscheiden; Demokratie lernen durch Praxis der Demokratie. An diesem Maßstab gemessen sind Unterrichtsgespräche über moralische Fragen nur eine Behelfslösung.

Stufe 1 = Stufe 7

Vielleicht ist es ja so: Die nachkonventionelle Sufe ist die dialektische Aufhebung der konvententionellen Stufe bzw.  Negation der Negation der vorkonventionellen Stufe. Damit ergäbe sich eine eher spiralförmige Entwicklung, die die Chance in sich trägt, die konventionelle Stufe auszulassen.

Ich kann es nicht durch „Kantsches Selbstdenken“ beweisen. Aber für mich gibt es mehrere schlüssige Indizien, dass der Mensch von seinen Anlagen her auf gelingende Kooperation ausgelegt ist:

  1. Die Ergebnisse die Joachim Bauer zusammengetragen hat
  2. Die Folgen der Neolithischen Revolution als Sündenfall der Menschheitsgeschichte

Weil der naturalistische Fehlschluss wohl verpönt ist, folgt aus dieser Situation natürlich kein Sollen. Aber über Stufe 7 heißt es:

Die Bedürfnisse aller Betroffenen eines möglichen Normenkonflikts werden nicht länger nach den in einer Kultur überkommenen Maßstäben übernommen und interpretiert, sondern sie werden im praktischen Diskurs allererst ermittelt und sodann als Ansprüche zueinander in Beziehung gesetzt.

Diese Stufe pfeift hochreflektiert auf alle Normen, Werte, Gesetze im Sinne von selbständigen Setzungen, genauso wie es die vorkonventionelle Stufe unreflektiert-archaisch macht.

2 Wege zu Stufe 7

Auf Stufe 6 der Moralentwicklung sitzt Immanuel Spock isoliert in seiner Kammer, lauscht seinem Verstand und nur seinem Verstand und findet heraus was richtig ist, … und macht es dann nicht.

Auf Stufe 7 von Habermas verschmilzt das Subjekt im Konsens symbiotisch mit den anderen. Aber immer noch kopflastig, rein argumentativ.

Meiner Meinung nach gibt es schon zwei Wege, die in diese unerreichbar scheinende Stufe führen.

Der erste ist uralt. Hier gehören die Mystiker aller Religionen hin. Egal ob nun Sufismus, Yoga, Meditation oder Kontemplation. Mit Techniken, die in starren Feudalsystemen entstanden, befreien sich die Gurus, Heiligen und Mönche aus den Klauen der rigiden Stufe-4-Ketten und sind in der Lage eine Menschlichkeit auf höherem Niveau zu leben. Und weil diese Mystiker immer auf eine unmittelbare Gotteserfahrung poch(t)en, sind/waren sie auch immer der Stufe-4-Kirche ein Dorn im Auge.

Der zweite ist ungefähr so alt wie Habermas‘ Diskursethik. Es sind die neueren auf Empathie beruhenden Kommunikationstechniken:

Alles konkrete Handlungsanweisungen, durch die Hintertür zu idealen Sprechsituation zu gelangen.

Kohlberg und deMause

Lloyd deMause ist der Meinung, dass sich die Geschichte entlang der Art und Weise entwickelt, wie die Menschen ihre Kinder erziehen. Er führt etwa den deutschen Faschismus auf die rückschrittliche Erziehung in Deutschland zum Ende des 19. Jahrhunderts zurück, so wie im Film „Das weiße Band“ thematisiert. Die Kritik an der Psychohistorie, dass sie eine ziemlich monokausale Angelegenheit sei, ist wohl berechtigt.

Trotzdem drängen sich mir Parallelen zwischen Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung und DeMauses Perioden der Kindererziehung auf. Die letzten Stufen bei deMause sind:

4. Form: Intrusion (Eindringen) (18. Jhr.)

Diese Phase bezeichnet deMause als großen Wandel in der Eltern-Kind-Beziehung, da die Projektionen stark zurückgingen und die Umkehrreaktion sogar ganz verschwand. Das Kind wurde nicht mehr als Bedrohung angesehen, sodass Empathie möglich war. Dadurch und wegen der Erfindung der Kinderheilkunde, reduzierte sich die Kindersterblichkeit. In dieser Periode, versuchten die Eltern, den Willen der Kinder zu bestimmen, in dem sie ihm z.B. mit Strafen drohten oder sie schlugen.

5. Form: Sozialisation (19. – Mitte des 20. Jhr.)

Die elterlichen Projektionen reduzierten sich weiterhin. Das Erziehungsziel bestand nun darin, das Kind zu sozialisieren, anzupassen und auszubilden. Die väterliche Fürsorge für das Kind wurde größer.

6. Form: Unterstützung (ab Mitte des 20. Jhr.)

Diese Form beruht auf der Auffassung, dass das Kind am besten weiß, was es braucht. Beide Elternteile sind lediglich dazu da, es zu unterstützen anstatt es zu disziplinieren. Diese Umgangsform fordert von den Eltern sehr viel Energie, Zeit und Diskussionsbereitschaft, da sie sich immer in das Kind hineinversetzen und versuchen müssen, dessen Bedürfnisse zu befriedigen.

Mir scheinen die konventionelle Ebene von Kohlberg und unter Intrusion oder Sozialisation aufgewachsene Menschen einerseits und postkonventionelle Stufe und Unterstützung andererseits gut zusammenzupassen.

Kohlberg und Rosenberg

Marshall Rosenberg, der mit der Gewaltfreien Kommunikation, berichtet von seinem Psychologiestudium folgendes: Wenn er vor dem Studium mit einem anderen Autofahrer unzufrieden war, dann beschimpfte er ihn: „Du Idiot!“ Nach dem Studium konnte er schimpfen: „Sie Psychopath!“ Richtig weitergeholfen hat ihm das nicht.

Ob Kohlbergs oder andere Stufenmodelle der Moralentwicklung ähnlich analytisches Wissen darstellen, das nicht wirklich weiterhilft.