Aristoteles und Nachhaltigkeit

Aristoteles in der Nikomachischen Ethik:

Das vollendet Gute muß sich selbst genügen. Wir verstehen darunter ein Genügen nicht bloß für den Einzelnen, der für sich lebt, sondern auch für seine Eltern, Kinder, Weib, Freunde und Mitbürger überhaupt, da der Mensch von Natur für die staatliche Gemeinschaft bestimmt ist. Indessen muß hier eine Grenze gezogen werden. Denn wollte man dies noch weiter auf die Vorfahren und Nachkommen und auf die Freunde der Freunde ausdehnen, so käme man an kein Ende.

Dieses Ausdehnen auf Nachkommen und Freunde der Freunde, das ist genau das was für indigene Völker selbstverständlich ist, was im Konzept des buen vivir steckt, worauf wir Westler uns erst wieder rückbesinnen müssen. Wurzelt unser Die-Erde-Untertan-machen und Nach-mir-die-Sintflut kulturell in dieser Zeit?

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Jiddu Krishnamurti

raunt:

Alle Ideologien, ob religiöse oder politische, sind idiotisch, denn es ist das begriffliche Denken, das begriffliche Wort, das die Menschen auf so unglückliche Weise spaltet.

Aber vielleicht schüttet er das Kind mit dem Bade aus. Nach mal wieder einem Semester Aristoteles ist schon klar, dass die Begriffe erbärmlich grobe Werkzeuge sind, sich über die Welt zu verständigen. Aber was bleibt ohne Sprache?

Sind die Menschen „unglücklich gespalten“, weil sie begrifflich denken oder nur weil sie nicht begreifen, was begriffliches Denken bedeutet und Einzelnes und Begriffe munter mischen, wenn sie ihnen „durch die Rübe rauschen“.

Vielleicht reicht es, das begriffliche Denken zu begreifen und seine Möglichkeiten und Beschränkungen auszuloten. Es kann nicht darum gehen, in Magie und Mystik allein zurück zufallen. Ungefähr so, wie in der Gewaltfreien Kommunikation, bei der es nicht darum geht, das bewertende, interpretierende Denken der Wolfssprache zu verbieten, sondern aufzuheben.

Begriff und Ding

Die Beerdigung von Herrn M. Es kann auch ein feierliches Dinner von Herrn und Frau M. zum 28. Hochzeitstag sein. Auf jeden Fall ein Ereignis, dass garantiert einmalig ist. Da fällt mir auf: Gibt es Ereignisse, die nicht garantiert einmalig sind? Eher nicht. Es ist der endliche, grobe menschliche Verstand, der nur einen Bruchteil der Eigenschaften eines Dinges oder Gegenstandes erfasst. Dieses endliche Abbild des unendlich komplexen Einzeldinges ist der Begriff vom Ding. Der elende Abglanz des ganzen Dinges. Es scheinen sich also unendlich komplexe Welt und endliches begriffliches Abbild der Welt gegenüberzustehen. Ich kenne zwei Wege mit dem Dilemma fertig zu werden:

  1. Die fernöstlichen Freunde der Meditation verteufeln das Denken, lassen in der Meditation den Verstand zur Ruhe kommen. Manche erlangen auf diesem Weg etwas, was sie Erleuchtung nennen, das sie aber nicht teilen können, von dem sie aber überzeugt sind, dass es eine geeignete Methode sei, das Ganze zu schauen.
  2. Die Freunde des westlichen Denkens können trainieren, sich stets und ständig ihres endlichen, vorläufigen Charakters ihres begrifflichen Abbildes der Welt bewusst zu sein. Ein Weg zu mehr Achtsamkeit, genau wie bei den Freunden der Meditation.

Und ich sehe auch ganz deutlich, dass bei meinen wilden Schülern keine Einsicht in dieses Problem besteht. Sie sind von der Identität der Welt und dessen, „was ihnen durch die Rübe rauscht“, überzeugt.

Resümee

2 Jahre Nebenbeischnellbesohlung Praktische Philosophie: Mir spuken 4 Sachen besonders im Kopf rum:

  1. Hegel
  2. Moralisches Urteilen
  3. Methaetik
  4. Die Einfachheit Gottes

Hegel

Hegels Dialektik ist mein Favorit. Überall sehe ich Negationen der Negation, Einheit und Kampf der Gegensätze. Aber nicht mehr so mechanistisch wie zu Parteilehrjahrzeiten.

Mit mildem Verständnis aber auch Traurigkeit sehe ich all die wilden Anti-istInnen, die alle nur den Negationsteil eines Widerspruchs angreifen.

Am Spannendsten für mich Hegel sein Für-Sich-Sein und Für-Andere-Sein. Die Unmöglichkeit des isolierten Menschseins. Ein Appell gegen westlich überzogenen Individualitätskult und gegen unreflektierte archaische Hordenmentalität.

Oder das Raunen asiatisch-Toller Weisheit, die predigt, ich sei nicht mein Denken und ich solle mich gefälligst auf mein Sitzkissen setzen und meditieren, bis das Denken zur Ruhe komme. Das kann ich schon einsehen, dass ich nicht mein Denken bin. Aber natürlich ist es Unfug, das, was von mir bleibt, wenn ich das Denken weglasse, mein wahres Ich zu nennen. Ich bin die dialektische Einheit meines Denkens und Nicht-Denkens. Genauso wie ich die Einheit aus meinem Für-mich-Sein und meinen Beziehungen zu anderen bin.

Moralische Urteilen

Als Ergebnis dieser Vorlesung bleibt mir das Negativergebnis: Es ist nicht möglich eine einfache Globaltheorie darüber aufzustellen, welche Handlungen gut/richtig und böse/falsch sind.

Methaethik

Moralische Urteile sind Sprechakte. Sie haben eine deskriptive und eine performative Bedeutung. Die performative Bedeutung ist ein schnöder Imperativ. Dieser Zusammenhang ist den wenigsten bewusst. Moralisierer sind stolz auf ausgeklügelte Systeme deskriptiver Bedeutung. Die meisten Menschen können aber an sie gerichtete Imperative nicht leiden. Deshalb ist Moralisieren so uneffektiv.
Was effektiver scheint, ist folgendes: Moralisierender und Moralisierter erkennen, dass sie im selben Boot sitzen und überlegen gemeinsam, wie für sie das Leben schöner wird.

Die Einfachheit Gottes

Die alten Scholastiker haben viel Hirnschmalz darauf verwendet, nachzuweisen, dass es möglich ist, dass Gott einfach ist und gleichzeitig allwissend, allmächtig, gütig, … Gott ist mir relativ wurscht. Aber diese Eigenschaft der Einfachheit macht mich momentan nachdenklich. Ist es richtig, einen Menschen als Konglomerat seiner Eigenschaften zu betrachten, ihn zu ergründen, indem ich immer mehr Eigenschaften quantifiziere. Wäre es nicht viel schöner und angebrachter, diesen meinen Mitmenschen als (göttliche) einfache Entität zu sehen. Und die Eigenschaften sind wie unterschiedliche Lichtreflexionen eines geschliffenen Diamants.

Vektoren der Entwicklung

  1. Beim Teleologen Aristoteles streben alle nach dem Telos. Und diese Telos ist das Gute. Die, die es nicht machen, den mangelt es an den soft-skills den vorgezeichneten Weg zu gehen. Also so eine Anziehungskraft zwischen uns und dem Telos.
  2. Die Aufklärer feiern Vernunft und freien Willen, brauchen für die Richtung deren Strebens wabbelige Konstrukte (Gott & Co.), von denen sie selber wissen, dass sie weder bewiesen noch widerlegt werden können. Also kraft unseres Willens bringen wir uns an jedem Punkt unserer Bahn auf Kurs.
  3. Den dialektischen Dreisprung machen die menschenfreundlichen Neurobiologen, etwa Gerald Hüther oder Joachim Bauer. Sie meinen nachweisen zu können, dass der Mensch auf gelingende Kooperation präkonditioniert ist. Wer solche Verhältnisse in seiner Kindheit und Jugend nicht erlebt, hat allerdings die Arschkarte gezogen, dem fehlen dann nämlich ein paar Synapsen für die notwendige Empathiefähigkeit. So als ob uns die Evolution in eine bestimmte (und zwar nette) Richtung schießt.

Hume

wird mir immer sympathischer:

Die Vernunft ist nur Sklave der Affekte und soll es sein; Sie darf niemals eine andere Funktion beanspruchen, als die, denselben zu dienen und zu gehorchen […]. Es läuft der Vernunft nicht zuwider, wenn ich lieber die Zerstörung der ganzen Welt will als einen Ritz an meinem Finger.
Hume: Traktat über die menschliche Natur. II, 3, 3.

Für Hume wäre klar gewesen: Eine Kritik an Kapitalismus, endlosem Wachstum und Umweltzerstörung, die die Unvernunft dieses Tuns anprangert, muss ins Leere laufen, kann zumindest nur ein erster Schritt sein.